Pressestimmen

"Wohin des Weges - Volksvertreter?"

Nachtkritik

Die Show als Tribunal

von Sascha Westphal

Dortmund, 26. September 2015.

 

Gerade einmal eine Woche ist es her, dass das Zentrum für politische Schönheit das Publikum im Schauspiel Dortmund medienwirksam beschimpft hat. Gut anderthalb Stunden wurde man von vier aus der Zukunft des Jahres 2099 kommenden Philosophen und Zeitreisenden für nahezu alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Theater weniger als Aktion, denn als flammende Strafpredigt. Einer der vier aufrechten Empörten war der Schauspieler Björn Gabriel, der vor gut drei Jahren zusammen mit der Bühnenbildnerin Stefanie Dellmann die freie GruppeSir Gabriel Dellmann gegründet hat.

Politik als Übung im Stillstand

Wie die Projekte des Zentrums kreisen auch deren Arbeiten, die mittlerweile zu verschiedenen Festivals eingeladen und für mehrere Preise nominiert wurden, um Fragen der politischen Partizipation. Ihre letzte Produktion "The Great Democracy Show – It's unbelievable" war genau das: eine bedauerlicherweise ziemlich glaubhafte Show über den Ausverkauf der Demokratie als sinnentleertes Spektakel für die von Fernsehen und Internet anästhesierten Massen.

Mit "Wohin des Weges – Volksvertreter?" führt Björn Gabriel seine Analyse unserer sich gerade selbst immer weiter abschaffenden Demokratie nun konsequent fort. Zugleich etabliert er etwa drei Kilometer nördlich vom Schauspielhaus im Theater im Depot noch eine Art Gegengewicht zum Wuttheater des Zentrums für politische Schönheit. "Wohin des Weges – Volksvertreter?" ist, wie sollte es in einer Post-McLuhanschen Welt, in der das Medium jede Message ersetzt, auch anders sein, eine Fernseh-Talkshow. Der Moderator Dr. Martin Hohner hat sich drei Politikerinnen und Politiker in die Sendung eingeladen, um mit ihnen über die zentralen Themen unserer Zeit zu diskutieren.

Theaterdarsteller als Politikerdarsteller

Nur haben weder die Fraktionsvorsitzende und Regierungschefin Dr. Fiona Metscher, die Politik vor allem als Übung in Stillstand betrachtet, und ihr Wirtschaftsexperte Dr. Matthias Kelle, der den Kapitalismus und natürlich Deutschland vor all den linken Spinnern und Ideologen retten will, noch die linke Oppositionspolitikerin Dr. Aischa-Lina Löbbert, die ständig zwischen revolutionärem Furor und lethargischen Entsetzen hin und her pendelt, Interesse an einer echten Diskussion. Selbst der 'demokratische Clou' der Show, die Zuschauer im Theater dürfen nach jedem Themenblock per SMS abstimmen, wer sie am ehesten überzeugt hat, reißt sie nicht aus ihren gewohnten Mustern heraus. Muss er auch nicht, denn schon bei der zweiten Umfrage offenbart sich im Publikum eine deutliche Abstimmungsmüdigkeit.

So ist es in dieser "performativen Intervention" anscheinend genauso wie in der Wirklichkeit. Die Politiker-Darsteller halten ihre antrainierten Reden und verfallen in ihre Pawlowschen Reflexe, während die Bürger mal amüsiert, mal fassungslos zu sehen, bis dann doch noch etwas Außergewöhnliches geschieht: eine Gruppe namenloser Aktivisten kapert die Sendefrequenz und verwandelt die Show in ein Tribunal.

Natürlich arbeiten Gabriel und seine Mitstreiter mit den klassischen Techniken des politischen Kabaretts. Die Ähnlichkeiten zwischen den von Aischa-Lina Löbbert, Fiona Metscher und Matthias Kelle verkörperten Polit-Profis und realen Polit-Persönlichkeiten sind alles andere als zufällig. Und natürlich ist es ein großer Spaß zu sehen, wie Fiona Metscher in einem Moment der Ekstase sich vor einer Reproduktion von Eugène Delacroix’ Gemälde Die Freiheit führt das Volk stehend in eine deutsche Marianne verwandelt: Die Kanzlerin führt das Volk ... in die Unmündigkeit.

Placebofunktion des politischen Theaters

Aber jenseits all der Show-Elemente und der Schock-Videos von geschlachteten Tieren und verhungernden Menschen in Afrika, von hilflos im Mittelmeer treibenden Flüchtlingen und politischen Gefangenen sucht Björn Gabriel nach Möglichkeiten, die Bühne tatsächlich wieder zur Agora, zum direkten demokratischen Mittelpunkt unserer Gesellschaft, zu machen. Also klagt er den Zuschauer nicht schimpfend an und macht ihn auch nicht zum Sündenbock. Er verabschiedet das Publikum lieber mit Brechtscher Ironie: "Wir haben das soziale Engagement für sie übernommen und als Theater verkleidet. Und sie haben sich die ganze Show-se angeschaut. Damit haben sie genug geleistet."

Vor allem hat das kritische, das politische Theater damit eins geleistet, seine eigene Placebo-Funktion offengelegt. So ist es eben mit der Repräsentation: Die Bürger geben ihre Macht ständig ab, mal an Politiker, mal an Künstler. Aber Letztere können sie zumindest wieder zurück in die Hände des Publikums legen. Genau so muss man auch den Live-Stream der Aufführung in den "Salon Fink", ein Café in der Dortmunder Nordstadt, verstehen. Das Theater strahlt aus zu denen, für die all die in "Wohin des Weges – Volksvertreter?" so verräterisch nicht-diskutierten Themen eine zentrale Relevanz haben. Vielleicht führt die Freiheit doch noch einmal das Volk, wenn es sich seiner Macht und seiner Verantwortung erinnert.

 

"The Great Democracy Show"

 

The Great Democracy Show

Performance

von Romy Weimann

 

It‘s unbelievable, Sir Gabriel Dellmann hat die freiheitlich rechtsstaatliche Demokratie zum Showobjekt gemacht. Für mehr taugt sie irgendwie ja auch nicht. Was soll sie heute anderes sein als Überwachungs- und Manipulationsapparat? Hektisch aufgedreht und mit Spielzeugknarren bewaffnet treiben uns die vier Darsteller in SciFi-Glitzeranzügen durch nahezu alle Räume der Studiobühne. Es geht drunter und drüber. Achso, der Regisseur sei abgetaucht und ohne ordnende Hand zerfalle das Gefüge, erfahren wir. Was kommt ist groß: Zwischen Pool-Dance und Selbstbehauptung, TTIP und Freiheitskampf, Pluralismus und Plattitüden rennen diese großartigen Schauspieler gegen die Ordnung der demokratischen Dinge an. Omnipräsente Kameras im Saal erschaffen dabei die Ebene der Selbstzensur - „die effizienteste Zensur“.

Nach „Dantons Dilemma“ ist der Dortmunder Gruppe Sir Gabriel Dellmann ein weiterer genialischer Schlag in die Absurditäten der neoliberalen Welt gelungen. So bizarr wie sie Show selbst. So ein Theater wollen wir in Köln sehen

Stadtrevue April 2015

 

 

 

Aberwitziger Ritt durch das Thema Überwachung

Theater Die große Demokratie – Show in der Studiobühne Köln

von Norbert Raffelsiefen

 

Mit Partystimmung startet der Prolog. Die alte Dame Demokratie wird mit Sekt und guter Laune auf der Leinwand gefeiert, die im Café der Kölner Studiobühne aufgespannt wurde. Schon der Auftakt ist gelungen und die überbordende Vitalität – die auf der Leinwand sogar orgiastische Züge annimmt – hält sich über die gesamte Dauer des Stücks. Nur die Feierstimmung verfliegt ebenso rasch, wie sie medial heraufbeschworen wurde. Schon bei der zweiten Station des „Parcours durch einen Überwachungsstaat“ mischen sich Misstöne in die Partylaune. Das gerade noch quitschvergnügte Quartett der Akteure hat plötzlich seinen Auftraggeber verloren und sitzt ratlos hinter der Bühne in der Garderobe, von wo das Geschehen für die Zuschauer via Video auf die Bühne getragen wird.

Wie viel Selbstbestimmung bleibt dem Individuum noch in einer Gesellschaft, in der die Freiheit zur Fassade verkommt? Ist das Leben zu leicht bedienenden Benutzeroberflächen geworden, die uns alle Möglichkeiten vorgaukelt, während uns längst das Diktat der Algorithmen die Entscheidung abgenommen hat? Autor und Regisseur Björn Gabriel, der die Polit-Performance „The Great Democracy Show – it‘s unbelievable“ als Koproduktion von Sir Gabriel Dellmann, Theater im Depot Dortmund, Theater Bochum ( Rottstr.5) und Studiobühne Köln in Szene gesetzt hat, bombadiert die Zuschauer mit einem Feuerwerk an Assoziationen und Thesen – bei dem die Darsteller mal zu Confénciers der Debatte werden, um im nächsten Moment ihre eigene Ratlosigkeit zur Schau zu stellen. Wäre doch schön, heißt es an einer Stelle „wenn wir wieder Herr über die Fernbedienung unseres Lebens werden könnten.“

Noch mehrmals wechselt der Schausplatz des Geschehens. Ein mal werden an der Bar bei Loungemusik dem Zuschauer Schnäpse für Bekenntnisse über eigene „kleine Fluchten“ kredenzt. Der aberwitzige Ritt durch die aktuellen Debatten zum Thema Überwachung wird nicht zuletzt durch die eindrucksvolle Leistung der Schauspieler zum echten Theatererlebnis. Christoph Jöde und Martin Hohner, im Macho-Look zweier Großstadt Cowboys – mit Pistolen als Endgeräten - , spielen fulminant auf.

Sie werden von ihren weiblichen Kolleginnen, Jennifer Frank als erotische Versuchung, und Fiona Metscher mit dominantem Ina-Müller-Gebaren allerdings noch in den Schatten gestellt. Ein Abend, der amüsiert und anregt. Eine packende Bühnen-Politshow mit Pop-Attitüde.

Kölner Stadt-Anzeiger März 2015

 

 

 

 

 

Raus aus der bildungsbürgerlichen Wohlfühlecke

Studiobühne: „The Great Democracy Show“ des Theaterkollektivs Sir Gabriel Dellmann

von Bernhard Krebs

 

Mit „The Great Democrcay Show – it‘s unbelievable“ treibt das Theaterkollektiv Sir Gabriel Dellmann erneut das Theater aus seiner bildungsbürgerlichen Wohlfühl-Ecke. Mit allergrößter Freude werden die üblichen Grenzen eingerissen. Begonnen wird im Foyer, und im Verlauf des Stückes lernt der Zuschauer – der auch irgendwie Mitspieler und Komplize des vierköpfigen Ensembles ist – auf einer wahnwitzigen Reise die halbe Studiobühne kennen. Bevor es in den eigentlichen Theatersaal geht, gibt es eine kurze Videoeinspielung, in der Migrantenkinder auf Spielplätzen fröhlich „Demokratiiiiiieeee“ in die Kamera schreien und Aufnahmen einer ausgelassenen Party gezeigt werden.

Auf der Bühne angekommen – so ein Abend braucht Tiefgang – brennen die vier Schauspieler zu einer Weltraum-Videoprojektion ein Thesenfeuerwerk gegen den Überwachungsstaat. Werbeindustrie und Big-Data ab. Für die Unterhaltung sorgt eine kurze Tanzperformance, und der Abend ist nach dreißig Minuten schon gelaufen, wäre da nicht das renitente Publikum das einfach nicht gehen will.

Dabei haben Fiona Metscher, Christoph Jöde, Jennifer Frank und Martin Hohner überhaupt keine Schuld daran, dass die Inzenierung nicht länger dauert. Immerhin ist während der Probenzeit der Auftraggeber einfach abgetaucht – und zwar wortwörtlich in einem Plastikplanschbecken, durch das es direkt in die unendlichen Weiten des Ozeans geht. Von dort schickt Björn Gabriel, Regisseur des Abends, von Zeit zu Zeit Videobotschaften, mit denen er den „Parcours durch den Überwachungsstaat“ am Laufen hält.

Wie frei sind wir eigentlich in einer Gesellschaft, in der Kameras uns auf Schritt und Tritt verfolgen und Payback-Karten aus unserem Kaufverhalten Kundenprofile erstellen? Und wenn diese Überwachung total ist, was bedeutet das für unsere Persönlichkeit?

Stellt sich noch die Frage, welche Rolle unsere Volksvertreter spielen? Vertreten die wirklich die Interessen der Allgemeinheit oder moderieren nur die Partikular-Interessen von Industrie und BigBusiness? „TTIP, Ceta & Mordio“, heißt es lapidar. Nach der letztjährigen Inzenierung von „Dantons Dilemma“ am gleichen Ort lag die Latte für Björn Gabriel und sein Ensemble hoch. Doch mit „The Great Democracy Show“ überspringt das Kollektiv den selbst gesetzten Maßstab. Ein wilder, lebendiger, mal zynischer, mal heiterer aber immer schonungslos ehrlicher Theaterabend mit einem grandios aufgelegten Ensemble in irrwitzigen Kostümen.

Kölnische Rundschau März 2015

 

 

 

 


WAZ Britta Helmbold Montag 03.November  2014

Reise durch einen Überwachungsstaat
„The Great Democracy Show“ im Theater im Depot

„Guten Abend , es geht los.“ Mit diesem Satz lotst Schauspielerin Fiona Metscher das Publikum im Theater im Depot in den Foyer-Bereich.
Dort läuft ein Video, leider nur in den ersten Reihen oder für große Menschen gut zu sehen: zusammengeschnittenes Material von einer Party und einem Spielplatz, auf dem die Kinder „Demokratie“ brüllen.
Das Stichwort für die Premiere „The Great Democracy Show - it`s unbelivable“ am Freitagabend - eine wunderbar abgedrehte Theater-Performance.
In Szene gesetzt hat den Parcours durch einen Überwachungsstaat Björn Gabriel als Koproduktion von Sir Gabriel Dellmann, Theater im Depot, Rottstr 5 Theater Bochum und studiobühneköln.
Spielfreudiges Quartett
Im Theatersaal landet das spielfreudige Mimen-Quartett Im Überwachungsstaat und zündet vor einer Weltraum-Videoprojektion ein Thesen-Feuerwerk ab : Wie viel Demokratie kann es bei totaler Überwachung noch geben? Wie verändert sich das Individuum dadurch? Wie selbstbestimmt kann ich trotz Manipulation noch sein?
Nach knapp einer halben Stunde ziehen sich Fiona Metscher, Martin Hohner, Christoph Jöde und Jennifer Frank in ihren Container auf der Bühne zurück, per Live-Projektion sichtbar für die Zuschauer. Und die Crew wundert sich , dass das Publikum sitzen bleibt: War das Stück vielleicht doch ein bisschen kurz? Aber ihr Auftraggeber ist abgetaucht - Gabriel sieht man per Video in ein aufblasbares Kinderschwimmbecken springen.
In der knapp zweistündigen Inszenierung wird viel mit Videos gearbeitet, auch beim Gang auf die Hinter - und Probebühne.
Die Dialoge sind witzig, Kritik an Plattitüden wird gleich mitgeliefert und auch die Rolle von Schauspielern und Zuschauern wird humorvoll beleuchtet. Es war ein anregender Abend, bitte unbedingt hingehen!

 

 

 

 

 

 

 

LAST JUNKIES ON EARTH - BLOG

Vier Entertainer begießen nach einer grotesken Darbietung ihren Erfolg. Man ist stolz, Teil einer humanistisch orientierten Gesellschaftsstruktur zu sein, doch plötzlich der Schock: Der Regisseur ist verschwunden und das Publikum bleibt einfach sitzen. Ab diesem Augenblick ist nichts mehr wie es scheint und die neueste Produktion des Theaterkollektivs Sir Gabriel Dellmann nimmt die Zuschauer mit auf eine immer tiefer in die Risse dieser Gesellschaft eintauchende Reise bis hin zur völligen Dekonstruktion unserer eigentlich perfekt scheinenden Welt.

Regisseur Björn Gabriel und sein Kollektiv beschäftigen sich in THE GREAT DEMOCRACY SHOW mit den aktuellen Fragen unserer Zeit: Wie definieren wir Freiheit in einer Gesellschaft, die durch den eigenen Fortschritt 24 Stunden am Tag unter totaler Überwachung steht? Wenn Überwachung ein Grundzug unserer Gesellschaft geworden ist, führt sie automatisch zu einer umfassenden, freiwilligen Konformität? Müssen wir Demokratie neu definieren, wenn die Herrschaft der Allgemeinheit längst die Kontrolle über ihre Volksvertreter verloren hat?

Schon Michel Foucault bezeichnete unser Ordnungsprinzip als wesentlich für westlich-liberale Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nannte. Zygmunt Bauman beschreibt darauf aufbauend unsere Postmoderne als "post-panoptisch", ein Zustand ständiger Überwachung durch elektronische Signale wie Überwachungskameras, CCTV und Smartphones. Und durch die soeben erschienene Dokumentation "Citizenfour" von Laura Poitras, in der sie eindrucksvoll den ersten Kontakt zu Edward Snowden beschreibt, bevor dieser unser letztes Fünkchen Vertrauen in Regierungen und Demokratie für immer zusammenstürzen ließ, hat diese Diskussion in den Feuilletons wieder an Fahrt aufgenommen.

Die Umsetzung auf die Theaterbühne ist dank der beeindruckenden Leistungen der vier Darsteller Fiona Metscher, Christoph Jöde, Jennifer Frank und Martin Hohner unglaublich gut gelungen. Auf ihrem temporeichen Parcours durch den Überwachungsstaat folgt ihnen das Publikum auf Schritt und Tritt - und damit tatsächlich zu verschiedenen Spielstätten quer durch die Katakomben des Depot Dortmunds. Es gibt jede Menge Video-Screenings und Live-Kameras, Kommentatoren begleiten die Zuschauer auf dem wahnsinnigen Ritt, Stimmen aus dem Off geben Anweisungen. Nach drei Viertel des Stücks ist auch dem Letzten im Publikum klar: Nichts ist mehr, wie es scheint. Da kommt es gerade recht, dass die vier Darsteller ihre Zuschauer zum Schnapstrinken an die Bar einladen. Entspannung macht sich breit. Ist der Spuk vorbei? Doch Sir Gabriel Dellmann haben in dieser bereits dritten Co-Produktion mit dem Depot Dortmund noch einige tragische Überraschungen parat. Willkommen in der Great Democracy Show - It´s unbelieveable!

Aktuelle postmoderne Gesellschaftsfragen und spannende wie aberwitzige Wendungen machen THE GREAT DEMOCRACY SHOW zu einem echten Theater-Happening. Nach einem gelungenen Premierenwochenende empfehlen wir dringend, die zwei noch folgenden Aufführungen am 22.11. und 23.11. im Kalender rot anzustreichen.

 

 

 

 

 

 

HEINZ - Magazin

The Great Democracy Show
mit dem Mainstream den Bach runter

Dortmund. Sie nennen es „Parcours durch einen Überwachungsstaat” und meinen damit mehr als nur die brisante Mischung aus Lauschangriffen, Datenlöchern und gläsernen Bürgern, an die unsere Gesellschaft sich bereits gewöhnt zu haben scheint.
Das freie Theaterkollektiv Sir Gabriel Dellmann dringt tiefer ein in die pseudo-demokratische Welt, in der es sich die westliche Durchschnittsexistenz gemütlich gemacht hat. In ihrem Stück geht es um die Manipulationsmethoden der Unterhaltungs- und Werbeindustrie, den Angriff auf das Recht auf Privatsphäre und die Gleichgültigkeit in Politik und Bevölkerung. Die Truppe um Regisseur Björn Gabriel zelebriert dieses vermeintlich rauschende Fest durch eine beeindruckende Mischung aus Lichtkunst, Theater und Beat, in die sich geschickt Kommentare unterschiedlichster Zeugen des Zeitgeschehens mischen.
ez
 

"Dantons Dilemma"

LIEBER WELLNESS STATT WUT

NINA GIARAMITA Kölner Theaterzeitung Akt

 

Inszenierung des Monats ist "Dantons Dilemma" an der studiobühneköln: Die freie Gruppe "Sir Gabriel Dellmann" inszeniert einen mitreißenden Abend, der uns allen einen verstörenden Spiegel vorhält - mit oftmals sehr plakativen und dennoch sehr eindringlichen Szenen.

 

Dieses Stück lässt einem keine Zeit: Schon im Vorraum fangen die Schauspieler von "Dantons Dilemma" die Zuschauer ab und drücken aufs Tempo. Sie verteilen Schnaps, sind laut und ordinär. Drinnen geht es weiter. Matthias Hecht, Janina Rudenska und Fiona Metscher hechten durch die Zuschauerreihen und tanzen zu treibenden Beats. Hier wollen drei Menschen verzweifelt Spaß haben - mit allem Drum und Dran: Mit Sex, literweise fließendem Alkohol und lauter Musik. Es sind plakative Szenen, die die drei gleich zu Anfang zur Schau stellen. Im Grunde jedoch, denkt man sich, werden diese Szenen an jedem Wochenende republikweit zigfach reproduziert: In jeder Dorfdisco, in jedem angesagten Szeneschuppen geht es ähnlich zu. Vordergründig geht es dabei natürlich um Spaß - eigentlich jedoch geht es um das Vergessen. Es geht darum, zu vergessen, dass wir in einer Enklave der Glückseligen leben,in der wir auf Kosten anderer eine scheinbar grenzenlose Freiheit ausleben dürfen. Der Preis dafür ist jedoch hoch. Das zeigt das Bühnenbild: Die Schauspieler agieren vor einer hohen weißen Wand, die ihnen den Zugang zum Bühnenraum sichtbar versperrt. Sie sind vollkommen abgeschottet, müssen auf kleinstem Raum agieren. Das funktioniert so lange, bis Martin Hohner auf die Bühne stolpert. Er gibt den Störenfried, der diese hedonistische Spaßtruppe aufmischt und ihnen zeigt, wie absurd-ekelhaft ihr Lebensstil ist. Und natürlich ist es unser aller Lebensstil, den er da anprangert. An die weiße Wand wirft er Bilder von zusammengepferchten Schweinen - und dann das eines saftigen Burgers. Es folgt eine eingestürzte Fabrik in Bangladesch -und dann eine H&M-Werbung. Diese Bilder offenbaren das ganze Dilemma, in dem wir stecken; und an diesem Abend stellvertretend für uns die vier Akteure. Und es war ja auch schon eins von Büchner: immer wieder werden Zitate aus seinem großen Werk "Dantons Tod" eingesprochen, von Danton, der das revolutionäre Töten Robespierres nicht ganz zu Ende brachte, weil er das Leben zu sehr liebte.

 

Das ist wiederum auch plakativ, aber es wird wunderbar auf den Punkt gebracht - dieser ständige Widerspruch, in dem wir uns befinden und der im Grunde nur eine Fortschreibung einer alten Geschichte ist: Das Baden in Konsum und Materialismus und dann wiederum das Aufbegehren gegen diesen Lebensstil; in dem Wissen, dass er uns eines Tages teuer zu stehen kommen wird. Mit seiner Botschaft trifft Eindringling Martin Hohner vorerst auf taube Ohren. Die Truppe will sich ihren Spaß nicht verderben lassen - und befriedet ihn, indem sie ihm ein schrilles Fantasiekostüm, ähnlich wie die ihren, überziehen und weitermachen im Programm. Janina Rudenska und Fiona Metscher gerieren sich dabei wie zwei düstere Dominas. Metschers Busen quillt aus dem eng geschnürten Korsett, während sie in immer schrillerem Ton ihre zugemauerte Welt verteidigt. Janina Rudenska setzt immer hektischer ihr Sektglas an die Lippen und kann ihren Ennui dennoch kaum mehr verbergen. Die beiden sind unbestritten die Glanzpunkte dieser Inszenierung - sie setzen ihre ganze Körperlichkeit ein und übersetzen damit auf ihre ganz eigene Art die Raserei dieser Welt. Es kommt, wie es kommen muss: Martin Hohner gibt dochnoch den Spaßverderber - und reißt am Ende die Mauer herunter. Dahinter offenbart sich ein liebevollst gestalteter Revolutionsspielplatz - mit Guillotine und dem Bild der französischen Ikone, der Marianne. Statt jedoch den Umbruch herbeizuführen, erstarren die vier gleichsam: Mit der Guillotine werden Limetten geköpft, die später für den genüsslich geschlürften Cocktail genutzt werden: Wellness statt Wut. Der plakative Abend plätschert kurz vor dem Ende so vor sich hin, bis am Ende ein letztes Aufbäumen stattfindet. Aus der Revolution wird jedoch nichts. Sie hat ja längst ihre Kinder gefressen, und das stand im Grundeschon von der ersten Minute an fest. 

 




"Dantons Dilemma" zerstört die Welt des Bildungsbürgers
07.10.2013 WAZ + Ruhrnachrichten

Verzweifelt an der Welt, und da hilft auch Wodka nicht: Schauspielerin Janina Rudenska in Dantons Dilemma.Foto: Fabian Paffendorf
Dortmund.  90 Minuten lang bricht die Bücherwand des Bildungsbürgers auf der Bühne im Theater im Depot zusammen. Und wird in "Dantons Dilemma" humorvoll wieder zusammengefügt. Das ist kurzweilig und packend inszeniert, finden wir. Ein Premierenbesuch.
Revolution ist eine schwierige Sache. Gilt es für sie doch, Mitstreiter zu finden, die nicht gleich ächzen, wenn es an die Reorganisation des Lebens nach dem Umbruch geht. Wenn dann gleich vier planlose Zahnrädchen der Spaßgesellschaft den Aufstand proben wollen, benötigen sie Hilfe.Am besten von einem, der den Nachwuchsrevoluzzern mit Tipps zur Seite steht. Mit "Dantons Dilemma" aber haben sie jedoch nicht gerechnet. Schauspieler Matthias Hecht rennt am Freitagabend aufgeregt durch die Reihen der 80 Premierengäste im Depot. Die wollen eigentlich "Dantons Dilemma", die neue Produktion des Vereins Sir Gabriel Dellmann sehen, aber vorerst bleiben die Türen zum Theatersaal geschlossen.

Musik von Tocotronic
"Mitkommen, geht gleich los!", ruft Hecht und winkt die Besucher hinter sich her. Langsam werden die Regler der Stereoanlage nach rechts gedreht. "Jenseits des Kanals" von der Hamburger Band "Tocotronic" schallt aus den Boxen. Matthias Hecht dirigiert die Gäste beim Mitsingen, Akteurin Janina Rudenska verteilt dabei reichlich Wodka und Fiona Metscher schwingt tanzend eine Flasche Sekt durch die Menschentraube.

Mittäter
Als sich die Tür zum Saal öffnet, herrscht Gewissheit: Man hat sich anstecken lassen, ist bereits unbewusst zum Mittäter innerhalb eines Kollektivs geworden. Die Videoprojektion auf einer Wand aus Pappkisten verkündet "Hedonism reloaded". Stampfende Techno-Beats hämmern aus den Lautsprechern und im Stroboskoplicht tanzt das Ensemble jubelnd durch die Reihen.
Erst der Auftritt von Martin Hohner beendet das Treiben. Nein, zur Ausgelassenheit gibt es wohl weniger Grund, als vermutet wurde. "Massentierhaltung ist grausam, aber Hamburger bei McDonald’s schmecken doch so gut."
Und die H&M-Mode trägt jeder gern, obschon in Bangladesch die Nähfabriken einstürzen und dabei Todesfälle zu verzeichnen sind, oder?

Adorno hatte Recht
Die Sentenz: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Adorno hatte Recht und auch der Bert Brecht, als er bemerkte, dass man diese Welt, wie sie ist, doch in der Pfeife rauchen sollte. Da die Assimilation des Aufständischen scheitert, begibt man sich gemeinsam daran, die Wand einzureißen. Damit, dass Schokolinsen in der Hand schmelzen rechnet das Quartett jedoch nicht.
Den schleppend anlaufenden Aufbau einer Demokratie, die der Revolution folgen soll, begießt man mit Cocktails. Den Vertretern der Konsensgesellschaft ist das alles zu mühsam. Deshalb beschließt man, Rat einzuholen. Wenn weder Robespierre noch Zizek etwas hergeben, dann bietet sich eben George Danton an. Der "Experte" für angewandte Revolutionswissenschaften überreicht den Planlosen eine Karte, die zum Erkenntnisgewinn führen soll.
Wenn 90 Minuten lang die Bücherwand des Bildungsbürgers auf der Bühne zusammenbricht und humorvoll in "Dantons Dilemma" wieder zusammengefügt wird, ist das kurzweilig und packend inszeniert. Frei auf Georg Büchners "Dantons Tod" fußend, reist das Ensemble durch die Vielzahl an Dilemmata zwischen Philosophie und Politikwissenschaften.
        
                                                  WAZ und Ruhrnachrichten , von Fabian Pfaffendorf



„Dantons Dilemma“ nach Büchner im Theater im Depot
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Danton ist nicht tot. Auch er lebt, wie Heiner Müller über Woyzeck gesagt hat, „wo der Hund begraben liegt.“ Die von Müller beschworene „offene Wunde Woyzeck“ ist auch eine Wunde Büchner. Büchner, der radikalste, aber auch einer der zartesten Dichter und Dramatiker der deutschen Literaturgeschichte, bleibt allgegenwärtig. Überall geistern sie herum und ziehen ihre düsteren Kreise, die Wiedergänger seines Lenz und Woyzeck, die verzweifelt-lustigen Königskinder Leonce und Lena, die nimmertoten Gespenster Dantons und Robespierres.
Ein Schauspiel nach Büchner nennt die freie Gruppe „Sir Gabriel Dellmann“ ihre zweite Produktion „Dantons Dilemma“ doppeldeutig. Kurze, gleichsam gesampelte Passagen aus „Dantons Tod“ und „Lenz“, Büchners Briefen und dem „Hessischen Landboten“ treffen in Björn Gabriels assoziativer, bewusst den Faden verlierender Inszenierung auf eigene Beiträge und theoretische Einschübe.
Aber auch die fremden Texte sind durchdrungen von Büchners Denken und Kämpfen. Seine Worte und seine Zerrissenheit, das Schwanken zwischen Revolution und Fatalismus, Aufstand und Wiederholung, bluten in die Welt und ihren Diskurs hinein. So zieht sich eine rote Spur durch den Abend. Sie reicht von den Kostümen mit ihren ironischen Anspielungen auf die Zeit der französischen Revolution bis zu Steffi Dellmanns Bühnenbild samt (Holz-)Guillotine und von der Decke hängendem Säbel.
Das Fragmentarische und Absurde seiner Stücke treiben Björn Gabriel und seine Mitstreiter in die Zersplitterung. Szenen, die eher Fetzen von Szenen sind, reihen sich aneinander und kreisen um Büchners große Themen, die Last der Geschichte, die Sehnsucht nach einem anderen Staat, den Zerfall des Ichs und das Schicksalhafte des Lebens. Alles wird angespielt und im nächsten Augenblick verworfen, um wenig später in leicht variierter Form zurückzukehren. Die vier Hysterie-Performer, die von einem Dilemma ins nächste stolpern, ähneln den ihrer Bestimmung entgegenirrrenden Flüchtlingen aus „Leonce und Lena“. Aus den deutschen Kleinstaaten ist ein globales Netzwerk geworden, ein Internet-Biedermeier, provinziell und herrschaftsgläubig.

"http://kulturkenner.de"kulturkenner.de von Sascha Westphal




"JEDE GENERATION BRAUCHT EINE NEUE REVOLUTION"
ARS TREMONIA


Die Überschrift ist ein Zitat eines Revolutionserfahrenen: Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA. Doch wir befinden uns in einem Dilemma. Einerseits leben wir auf der Seite des Zufriedenen und Satten, andererseits sehen wir auch Dank der Globalisierung das Elend der Verlierer in der dritten und vierten Welt. Das Schauspiel „Dantons Dilemma“, einer Produktion des Theaterkollektivs Sir Gabriel Dellmann unter der Regie von Björn Gabriel widmetet sich dieser Zwickmühle. Die Premiere war am 04. Oktober im Theater im Depot.
Wozu noch Revolution? Wir leben doch auf der Sonnenseite des Lebens, haben eine Art von Demokratie und ein schönes Grundgesetz (u.a. die Würde des Menschen ist unantastbar). Dennoch merken einige Wenige, dass hinter dem schönen Sein etwas anderes versteckt ist. Ändern Wahlen wirklich etwas? Was ist das Grundgesetz wert in Zeiten von NSA und Co.? Leben wir nicht hauptsächlich auf Kosten anderer Menschen, die ausgebeutet werden? Manche wollen diese Problematik nicht annehmen und flüchten sich in eine Art von Hedonismus, während andere resigniert abwinken und von ihren 68er-Erlebnissen berichten, die sie ins Establishment geführt haben. Auch wurde auf die neuen Bewegungen hingewiesen wie Attac. Sollte man sie proto-revolutionär nennen?
Die vier Schauspieler Janina Rudenska, Fiona Metscher, Martin Hohner und Matthias Hecht versuchen mit Hilfe von Texten Georg Büchners und Georges Dantons (Experte in angewandter Revolutionswissenschaften) herauszufinden, ob es doch nicht noch etwas Anderes gibt. Auf der Bühne wurde dies sehr gut durch eine Mauer aus Pappmaschee-Blöcken dargestellt, die letztendlich tatsächlich einstürzte.
Doch nach anfänglicher Euphorie wartete dahinter neben einem gemütlichen Sessel auch eine Guillotine. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, lässt Büchner seinen Titelhelden Danton in seinem „Dantons Tod“ sagen. Selbstverständlich war auch in diesem Raum wieder eine Mauer. Überhaupt die Videos: Sie waren sehenswert.
Etwas Irritation hinein brachte der Orakel-Automat, der gegen Geld Antworten gab. Er behauptete, die Menschen hätten keinen freien Willen und wären quasi wie er selber, ein Automat. Ob es einen „freien Willen“ gibt, darüber streiten sich die Gelehrten immer noch und ob wir eine endgültige Antwort bekommen, ist ähnlich schwierig wie der Beweis der Stringtheorie.
Alles in alle zeigt das Stück, dass eine permanente Revolution, ein Nicht-Anerkennen des Status Quo von großer Bedeutung ist. Solange Menschen gegen die Verhältnisse ankämpfen und sich nicht von Automaten sagen lassen, dass sie keinen freien Willen hätten, wird es Revolutionen geben

                                                                    Ars-tremonia.de, von Michael Lemken